Absurd, komisch, anders:

Nathan die Weise

 

Theaterrezension von Jenna Sophie Schöllhorn

 

 

Nathan der Weise ist für alle niedersächsischen Abiturienten des Jahrgangs 2019 verpflichtend zu lesen und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Aufgabenvorschlag im schriftlichen Deutsch-Abitur einnehmen. Die Deutschkurse von Hrn. Schmekel/ Fr, Kreimer, Fr. Jegimat, Fr. Wallschlag und Hrn. Röthig behandeln aktuell das Drama Lessings im Unterricht – und erhielten am 13.09.2017 die Möglichkeit eine aktuelle Inszenierung im Thalia Gaußstraße Hamburg zu besuchen.

 

Jenna Sophie Schöllhorn sammelte ihre Eindrücke während und nach der Vorstellung und schrieb diese in einer sehr gelungenen Theater-Rezension nieder:

 

Absurd, komisch, anders: Nathan die Weise

“Ich bin verstört!” war der erste Satz den ich hörte, nachdem ich die Garage des

Thalia-Theaters verlassen hatte. Die moderne Inszenierung “Nathan die Weise” ist in

der Tat ein “anderes” Stück: es distanziert sich stark von seinem Vorbild “Nathan der

Weise” von Lessing und verdeutlicht die Identitäten der drei Charaktere des

Tempelherrn, Recha und Nathan mit abstrusen Tanz- und Gesangseinlagen.

Zwischenzeitlich war ich mir unsicher ob etwas lustig oder beängstigend war und so

manches Gelächter aus dem Publikum war vermutlich vom gelegentlichen Unwohlsein

ausgelöst, welches durch primitive Laute und ausgiebiges Ausziehen der Schauspieler

bestärkt wurde.

 

 

Andererseits war gerade die Rolle des Tempelherrn, der mit Assi-Deutsch und

Hipster-Outfit auf die Bühne trat, eine gelungene und unglaublich humorvolle

Interpretation von Lessings Tempelherrn, von der ich gerne noch mehr gesehen hätte.

Im Gegensatz zu Lessings-Werk wird hier die Religion nicht behandelt. Es geht viel

mehr um Humanismus wenn auch wie die Figur des Nathan eher nebensächlich, denn

die Emotionen von Recha und dem Tempelherrn nehmen den meisten Raum ein.

Diese neue Herangehensweise der Regisseurin Leonie Böhm ist natürlich weit von

Lessings Werk und erst recht weit von unserem Deutschunterricht entfernt, regt jedoch

auch zum Nachdenken über Figuren, Handlungen und gestalterische Mittel im Theater

an. Auch wenn nicht jeder das Geschehen auf der Bühne verstehen konnte (erst recht

nicht wenn man das Drama noch nicht gelesen hat), verfolgten alle neugierig das Stück,

erpicht darauf diese “Kunst” zu durchblicken und auch ja keinen Lacher zu verpassen.

Doch es war nicht nur amüsant, sondern behandelte wie Lessing auch aktuelle Themen

wie Toleranz und Humanismus und ging noch einen Schritt weiter, indem es die

Emanzipation Rechas und die Konzeption der eigenen Identität thematisierte, obgleich

man sich des Öfteren die Frage stellte: “Versteh ich das nur nicht oder gibt es keinen

tieferen Sinn dahinter?”

 

 

Die Herangehensweise, welche die junge Regisseurin wählte, ist ohne Frage kreativ,

auch wenn ich das Thema “Emanzipation” nicht für wesentlich origineller als

Religionstoleranz halte. Ob “Nathan die Weise” nun wirklich durchdachte Kunst oder

lediglich das aufregende Austoben junger Künstler ist, bleibt wohl jedem genau wie die

Deutung dieser Interpretation selbst überlassen.

 

 

Alles in einem ist “Nathan die Weise” ein komisches, absurdes, aber auch frisches Stück, für welches man jedoch offen und “Nathan”-kundig sein sollte.

Fotos © Thalia Theater Hamburg – mit freundlicher Genehmigung durch die Pressestelle des Thalia Theaters

Seite zuletzt geändert am 17.09.2017, 12:26 Uhr von Sascha Sobkowiak
 

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