Warum überhaupt Geschichte?

 

"Die Geschichte lehrt die Menschen,
dass die Geschichte
die Menschen nichts lehrt."
Mahatma Gandhi, indischer Freiheitskämpfer  

 

Ist das wirklich so?


Gandhi hat Geschichte am eigenen Leib erfahren - und er hat Geschichte gemacht. Man darf ihn also getrost als Autorität auf diesem Gebiet bezeichnen. Vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erlebnisse ist sein pessimistisches (und weitverbreitetes) Fazit allemal nachvollziehbar.

Aber kann man Gandhis Aussage auch verallgemeinern? Falls ja - wozu bräuchten wir dann überhaupt ein Schulfach Geschichte?

Hier ein paar prominente Antworten auf diese wichtige Frage:

 

  • "Wir Menschen sind keine Ameisen oder Graugänse, die ihrer genetischen Bestimmung folgen. Wir können denken und wählen und über unsere Geschichte nachdenken." (Arno Gruen)

 

  • "Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." (George Santayana)

 

  • "Eine Generation, die die Geschichte ignoriert, hat keine Vergangenheit - und keine Zukunft." (Robert A. Heinlein)

 

  • "Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte." (Kurt Tucholsky)

 

  • "Es gibt einen Sinn für Moral, und es gibt einen Sinn für Unmoral. Die Geschichte lehrt uns, dass der Sinn für die Moral uns befähigt, das Moralische zu erkennen und zu meiden, und dass der Sinn für die Unmoral uns befähigt, das Unmoralische zu erkennen und zu genießen." (Mark Twain)

 

  • "Der Schlüssel der Geschichte ist nicht in der Geschichte; er ist im Menschen." (Théodore Jouffroy)

 

  • "Geschichtsschreibung ist der Versuch, zu ergründen, warum der Mensch zerstört, was er aufgebaut hat." (Hans Habe)

 

  • "Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt." (Johann Wolfgang von Goethe)

 

  • "... for the times they are a-changin'" (Bob Dylan)

 

Und denjenigen zum Troste, die immer noch nicht überzeugt sind:

 

"Die Geschichte wiederholt sich, wenn auch nicht so oft wie das Fernsehen." (Lothar Schmidt, deutscher Volkswirtschaftler und Jurist)


Fassen wir zusammen:

Die Beschäftigung mit Geschichte hilft uns dabei, die Gegenwart (und natürlich auch uns selbst und unsere eigenen Wurzeln) besser zu verstehen, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossener zu werden und vielleicht sogar tatsächlich etwas aus der Geschichte für die Gestaltung der Zukunft zu lernen. Außerdem kann die Beschäftigung mit dem Vergangenen großen Spaß machen. Nicht umsonst sind z.B. Romane, die in anderen Epochen spielen, solche Bestseller ...


Autoren von Curricula für das Fach Geschichte haben zu unserer Ausgangsfrage natürlich auch etwas zu sagen:

"Geschichtsunterricht leistet einen Beitrag zur Ausprägung von und kritischem Umgang mit Geschichtsbewusstsein und historischer Identität. So trägt er dazu bei, die Persönlichkeit der Schülerin und des Schülers weiterzuentwickeln. Der Geschichtsunterricht sucht die Grundlagen der gegenwärtigen Existenz von Mensch, Gesellschaft und Staat sowie Wissenschaft und Kultur in ihren historischen Ursprüngen auf, zeigt sie in ihrer auch zeitlichen Entwicklung und beurteilt sie in ihrer Bedeutung für die Gegenwart. (...) Mit der Erhellung der historischen Entstehungsbedingungen gegenwärtiger Zustände, Denkweisen und Entscheidungen leistet der Geschichtsunterricht einen Beitrag zur politischen Bildung. Durch die Vergegenwärtigung geschichtlicher Abläufe, Ursachen und Wirkungen macht der Geschichtsunterricht die Ambivalenz [= Zwiespältigkeit, Mehrdeutigkeit] und Zeitgebundenheit politischer Programme und ihrer Wirkungen bewusst. So bringt der Geschichtsunterricht in die politische Bildung ein Moment der Reflexion und Abwägung ein, das als notwendiges Gegengewicht zu einem ausschließlich der Gegenwart verpflichteten Handeln unverzichtbar ist. Geschichte gibt keine unmittelbaren Handlungsanweisungen, zeigt aber auf, was alles zu bedenken ist. Der Zugriff des Geschichtsunterrichts auf Vergangenheit verhindert Überlegenheitsgefühl und falsche Selbstgewissheit (…) Er vermittelt die Erkenntnis des eigenen, von der Vergangenheit mitgeprägten Standorts und schafft Voraussetzungen für das Wissen darum, die gegenwärtigen Zustände nicht als etwas Selbstverständliches und Unabänderliches hinzunehmen."

 

Seite zuletzt geändert am 16.08.2016, 08:29 Uhr von Ralf Martens
 

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