Leben hinter Mauern - Der Nahostkonflikt aus Sicht einer Betroffenen

Faten Mukarker aus Beit Jala/Palästina am 22.06.2015 zu Gast im GNW

 

„Wer verfügt über die Wahrheit in der Geschichte?“ Diese rhetorische Frage stellte Faten Mukarker, Publizistin aus Beit Jala / Bethlehem im israelisch besetzten Westjordanland, zu Beginn ihres Vor-trags vor gut 120 Oberstufenschülern und Gästen im Forum des Gymnasiums Neu Wulmstorf. Sie fragte nach den Wurzeln des Krisenherds, der als israelisch-palästinensischer Konflikt bekannt, aber doch kaum verstanden sei, und nahm die Zuhörer mit in eine historische und aktuelle Betrachtung.

Ein Verstehen der Gegenwart des Konflikts sei, ohne die Vergangenheit zu kennen, nicht möglich. Nur so bestehe die Chance und Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden. Und dies könne nur ein gerechter Frieden sein.

Für Faten Mukarker heißt das auch, Verständnis zu zeigen für das Leid, das den Juden durch das deutsche Volk im nationalsozialistischen Holocaust angetan wurde. Auch deshalb habe sie die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besucht. Aber sie werde aus demselben Grund nicht aufhören die schweren Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren, die der Staat Israel dem palästinensischen Volk gegenüber durch Besatzung und Siedlungsbau begehe. Es gehe bei dem Konflikt nicht um einen Streit zwischen jüdischen Israelis und muslimischen Palästinensern, es gehe vielmehr um die Empörung von Menschen, die von einem Unrechtsregime „die Nase voll“ hätten.

Auf beiden Seiten gebe es Extremisten, die eine Verständigung auf dem Weg zu einer friedlichen Zukunft erschwerten: Einerseits palästinensische Selbstmordattentäter, die keine Perspektive und ihr Heil im Tod sähen, in den sie als Feinde empfundene Juden mitnehmen wollten. Andererseits die jüdische Nationalbewegung Zionismus. Diese von Theodor Herzl im 19. Jahrhundert entworfene Weltsicht habe aufgrund damaliger Judenpogrome in Europa den Mythos „Wir fanden ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ und den Ruf „Eretz Israel“, ein jüdisches Groß-Palästina, propagiert. Verstärkt wurde die zunächst friedliche, nach Abdanken der Osmanen und Übernahme des Gebiets durch die britischen Mandatsträger nach dem 1. Weltkrieg auch gewaltsame, jüdische Besiedlung Palästinas durch den Holocaust. Sie sei begünstigt worden durch das „schlechte Gewissen“ der westlichen Welt, die der Judenvernichtung durch Hitler nicht wirksam begegnet sei. Beide Völker seien bereits in der Bibel erwähnt, beide hätten legitime Ansprüche auf dasselbe Heilige Land. Auch für die im 7. Jahrhundert hinzu gekommenen Muslime seien das Land und die Stadt Jerusalem heilig.

Nur vor diesem geschichtlich-religiösen Hintergrund sei der heutige Konflikt zu verstehen, der seinen Ausgang im UN-Teilungsplan von 1947 habe. Er sehe eine Dreiteilung (jüdischer Staat, arabisch-palästinensischer Staat, Jerusalem als international kontrollierte neutrale Zone) vor. Dieser sei die einzige völkerrechtliche UN-Erklärung zu Palästina gewesen, den der Staat Israel anerkannt habe, alle weiteren UN-Beschlüsse seien von israelischer Seite verworfen, ihre Umsetzung aber von der internationalen Gemeinschaft nicht verlangt worden. Anhand verschiedener Karten- und Bild-informationen zeigte die Referentin, wie sich das Gebiet des Staates Israel immer weiter ausdehnte. Als Ergebnis des ersten Kriegs 1948/49 gegen arabische Nachbarstaaten, die den UN-Teilungsplan nicht annahmen, sei Westjerusalem völkerrechtswidrig dem jüdischen Gebiet zugeschlagen worden. Mit der einseitigen israelischen Staatsgründung 1948 sei die Nakba (arabisch: „Katastrophe“) entstanden, die gewaltsame Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus ihren Dörfern. Viele von ihnen lebten noch heute, Jahrzehnte später, in Flüchtlingslagern in Nachbarstaaten wie dem Libanon und Jordanien. Viele seien infolge des Sechstage-Kriegs im Juni 1967 erneut vertrieben worden. Aufgrund der Überlegenheit der besonders von den USA ausgerüsteten israelischen Armee seien die syrischen Golanhöhen, der Sinai, der Gazastreifen, das Westjordanland und Ostjerusalem annektiert worden. Aber aus Angst, wegen der Geburtenstärke der arabischen Bevölkerung im Lauf der Zeit zu einer Minderheit im eigenen Land zu werden, seien nicht alle eroberten Gebiete dem israelischen Staat einverleibt worden,sondern nun der Name „Besetzte Gebiete“ verwendet worden. Seitdem werde verstärkt der Ruf nach Freiheit und Einhaltung der universellen Menschenrechte durch Israel laut, denn, so Faten Mukarker: „Es gibt keine humane Besatzung“.

Mit dem weltbekannten Bild des Händedrucks von Ytzak Rabin und Jassir Arafat 1993 nach den Osloer Friedensgesprächen unter Vermittlung Bill Clintons verwies die Referentin auf eine neue Periode der Hoffnung in Palästina. Sie sollte nach einer Übergangsphase schrittweise in die Über-führung des Westjordanlands und des durch eine Straße damit verbundenen Gazastreifens in die staatliche palästinensische Selbstbestimmung münden. Das Prinzip dahinter sei „land for peace“. Diese kurze Hoffnungsperiode sei jedoch Ende 1995 mit dem Mord an Rabin bei einer Friedens-kundgebung in Tel Aviv durch einen jüdischen Extremisten zu einem plötzlichen Ende gekommen. Seitdem hätten sich mehrere israelische nationalistische Regierungen unter Benjamin Netanjahu, Ariel Sharon und zeitweise der Arbeitspartei abgelöst, die alle den Siedlungsbau im Westjordanland vorangetrieben und keinen Verständigungswillen gezeigt hätten. Nach dem provokanten Gang des damaligen Ministerpräsidenten Sharon zu einem Tunnel am Tempelberg unter dem muslimischen Heiligtum al-Aksa-Moschee im September 2000 habe dies zum gewaltsamen Widerstand gegen die israelische Besatzung (Zweite Intifada) geführt. Jugendliche Steinewerfer gegen israelische Soldaten und Selbstmordattentäter in Israel hätten eine massive israelische Vergeltung mit Kampfjets und Geschossen aus Kampfhubschraubern zur Folge gehabt, die wiederholt auch von der EU finanzierte Gebäude und Einrichtungen wie den Flughafen in Gaza und damit EU-Steuermittel zerstört hätten. Dadurch werde ein Gefühl von Wut und Resignation in der palästinensischen Bevölkerung vertieft. Faten Mukarker berichtete auch von nach internationalem Recht geächteten Kollektivstrafen, der ihre Landsleute oft ausgesetzt seien. So würden nach Attentaten die Häuser der Angehörigen oder Olivenhaine zerstört, die über Jahrzehnte gewachsen und eine traditionelle Existenzgrundlage seien. Oft würden als Begründung von den israelischen Behörden Sicherheitsbelange genannt. Viele Militärangehörige würden sich damit zwar nicht identifizieren, jedoch ihren Befehlen gehorchen. So habe sie einen israelischen Offizier damit konfrontiert, dass blinder Gehorsam anderer Armee-Angehöriger ihre Vorfahren in den Tod getrieben habe. Die Reaktion des Offiziers sei Verunsicherung und Repression gewesen.

Die Referentin wies auf eine weitere Dimension des Konflikts hin, die ungleiche Verteilung des Wassers, und belegte dies eindrucksvoll mit Bildern. Den im besetzten Westjordanland bestehenden prinzipiell illegalen israelischen Siedlungen und landwirtschaftlichen Betrieben stünde 80 Prozent der verfügbaren Wassermenge zur Verfügung, der palästinensischen Mehrheitsbevölkerung, die zudem nicht über ein Leitungssystem verfüge, der Rest. Als Mutter von vier Kindern schloss sie mit Bildern ihrer jüngsten Tochter, die heimlich ihre Ängste vor Militärangriffen zeichnerisch ausgedrückt hatte. Diese Angst in den Augen der Kinder abzubauen, eine friedliche Zukunft zu erarbeiten, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden anstatt verkürzten oft einseitigen Medienberichten zu glauben, dazu ermutigte und forderte Faten Mukarker die jugendlichen Zuhörer nachdrücklich auf. Sie beendete ihre meist pessimistischen Ausführungen jedoch mit dem Blick auf „das andere Israel“, das es auch gebe: Soldaten, die gegen die willkürliche Besatzung den Dienst verweigern, israelische „Frauen für den Frieden“, Menschen auf beiden Seiten der – rechtswidrig auf palästinensischem Gebiet erbauten – Trennmauer, die für eine Verständigung und ein gemeinsames gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben im Gebiet Palästina eintreten.

Die teilnehmenden Schüler und Gäste waren von dem ruhigen, eindringlichen und bewegenden Vortrag sehr beeindruckt und spendeten spontan viel Beifall. Einige suchten danach noch das Gespräch. Leider reichte die zur Verfügung stehende Zeit nicht aus, um anschließend Fragen zu diskutieren. Dieser Beitrag aus der Binnensicht von Betroffenen stellte dennoch einen besonderen Beitrag zur Informations- und Meinungsbildung der Schülerinnnen und Schüler dar und beförderte ihre Empathiefähigkeit.

Im Namen aller Teilnehmer danken wir Faten Mukarker herzlich für ihren interessanten Besuch an unserer Schule und dem Schulverein des Gymnasiums Neu Wulmstorf für die großzügige Förderung dieser politischen Bildungsveranstaltung im Forum der Schule.

(H. Färber, verantw. Fachlehrer PoWi)

 

Seite zuletzt geändert am 24.06.2015, 21:27 Uhr von Ralph Werner-Dralle
 

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