Vortrag und Diskussion zur Krisenregion Mittlerer Osten im Gymnasium Neu Wulmstorf

 

 

Zum wiederholten Male konnte die Politik-Fachschaft, in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung Hannover, den Nahost-Experten Claus Herbst zu einer Veranstaltung mit Schülern des 11. und 12. Jahrgangs am 28.09.2015 im Forum der Schule begrüßen.

Nach einer kurzen Einführung gab der Referent zunächst einen Überblick über die Region der Länder des „Arabischen Frühlings“ im nordafrikanisch-arabischen Raum. Er hob hervor, dass bei diesen Protestbewegungen, ausgehend im Frühjahr 2011 mit der Vertreibung des Machthabers in Tunesien, islamistische Kräfte keine Rolle gespielt hätten; Ziel der Proteste sei die Forderung nach Arbeit, Einkommen, politischer Freiheit gewesen. Als neuer Wert sei der Ruf nach Würde des Menschen massenhaft formuliert worden. Die oft in westlichen Medien und von Beobachtern verbreitete Einschätzung, der „Arabische Frühling“ sei gescheitert, teilte der Referent ausdrücklich nicht; er wies diese Kritik als kurzsichtig zurück und zog zum Vergleich die europäische Geschichte heran, die am Beispiel der Revolutionen in Frankreich und Deutschland zeige, dass es widersprüchlicher und viele Jahrzehnte dauernder Prozesse bis zur Etablierung stabiler demokratischer Verhältnisse bedürfe. Der Referent verortete die arabischen Gesellschaften aufgrund ihrer Konfrontation mit den „modernen“ Ideologien des Kapitalismus/Liberalismus und des Kommunismus in einer inneren Krise; der einzige Ausweg könne nur in der Entwicklung spezifischer Formen von pluralistischer Demokratie und Menschenrechten liegen. Er distanzierte sich klar von Positionen, die der arabischen Welt oder dem Islam insgesamt Demokratiefähigkeit absprechen. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik verwahrte er sich gegen Äußerungen, Flüchtlinge als „Schmarotzer“ zu kritisieren, da mehrere Generationen in europäischen Gesellschaften sich einen hohen Lebensstandard auf Kosten und unter Vernachlässigung der Grundbedürfnisse der Menschen in diesen Regionen geleistet hätten. Dieser Zusammenhang und diese Verantwortung sei lange ausgeblendet gewesen und nun vor der Tür Europas dramatisch präsent. Claus Herbst plädierte dafür, den Menschen in der nordafrikanisch-arabischen Welt eine Perspektive zu geben und in die Entwicklung ihrer Gesellschaften zu investieren, besonders in Bildung. Als Beleg wies er auf Ägypten hin, das im ländlichen Raum eine Analphabetenquote von 80 % bei Frauen und Mädchen habe, obwohl Schulpflicht gesetzlich geregelt sei. Wie dringend eine Bildungs- und Entwicklungs- offensive der westlichen Welt in die Länder des Großen und Mittleren Ostens (GMO-Region) sei, zeigten zwei Zahlen: 6% der weltweit gehandelten Güter, vor allem Erdöl und Gas, kämen aus der Region, zugleich aber 60% der Terroristen weltweit. Anschläge wie in Madrid, London, Paris (Charlie Hebdo) oder Brüssel belegten klar das Sicherheitsrisiko für Europa. Dennoch habe die Europäische Union kein Lösungskonzept und kaum Einfluss in der Region. Schülerfragen bezüglich einer möglichen Militärintervention zur Beendigung des syrischen Bürgerkriegs beantwortete C. Herbst mit der Einschätzung, diese Option sei vor vier Jahren zu Beginn der Kämpfe einfacher durchzusetzen gewesen als heute; inzwischen lebten 4 Mio. Bürgerkriegsflüchtlinge in den Nachbarländern, die in den ersten Jahren ihres Lebens meist in Lagern auf eine Rückkehr in ihre Heimat gewartet, diese Hoffnung aber angesichts der Greueltaten des Assad-Regimes und der Terrormilizen verloren hätten und nun massenhaft nach Europa drängten, um wenigstens für ihre Kinder eine Sicherheitsperspektive zu haben. Mit Blick auf die Flüchtlingsströme forderte er die Einrichtung von militärisch abgesicherten Flugverbotszonen zum Schutz für Zivilbevölkerung und Binnenflüchtlinge. Eine Konfliktlösung unter Einbeziehung des Assad-Regimes, wie vom russischen Präsidenten Putin vor der UNO vertreten, lehnte er ab, zumal das Regime kaum noch Gebiete kontrolliere. Als ersten Schritt zu einer politischen Lösung müssten die Regionalmächte Iran, Saudi-Arabien, Türkei sowie die USA und Russland an den Verhandlungstisch gebracht werden; hier gebe es Bewegung.

 

 

 

Den zweiten Teil seiner Ausführungen widmete Claus Herbst kulturellen Fragen. In der Auseinandersetzung mit der als „permissiv“ empfundenen westlichen Kultur müsse es im traditionell islamisch geprägten Raum um Werte der Aufklärung und insbesondere um die Trennung von Staat und Religion gehen. In diesem weltanschaulichen Konflikt hätten die europäischen Länder zunehmend die Rolle einer Lehr-Kultur gegenüber (als minderwertig und minder entwickelt betrachteten) arabisch-islamischen Ländern eingenommen, aber auch die europäischen Gesellschaften müssten wieder (auch)zu Lern-Gesellschaften werden. Eine Studie aus den Niederlanden belegte die unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Wertorientierungen von Jugendlichen aus westlichen (christlich geprägten) und arabischen (muslimisch geprägten) Ländern. Hier müsse auch in der arabischen Welt ein Reformprozess eingeleitet werden, bei der Suche nach kultureller Identität dieser Gesellschaften. Als die wesentlichen Hürden auf dem Weg zu demokratischen Entwicklungen identifizierte C. Herbst den angesprochenen Mangel an Bildung und Aufklärung, die Existenz / das Wiedererstarken repressiver Regimes (wie z.B. in Algerien, das nach den gescheiterten Protesten der 1990er in Angst erstarrt sei, oder in Ägypten, wo nach der erfolgreichen Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo das korrupte Mubarak-Regime aus dem Amt getrieben, nach den Muslim-brüdern nun aber vom Militär wieder eine demokratiefeindliche Herrschaft errichtet wurde), schließlich die verkrustete Ideologie orthodoxer religiöser Führer, die in offenen Systemen mit einem demokratischen Dialog infrage gestellt und bald ihren Einfluss verlieren würden, derartige Bestrebungen z.B. nach Meinungsvielfalt daher massiv bekämpften und verfolgten. Der Westen habe ein elementares eigenes Interesse an Demokratisierung in der Region. Zu einer Diskussion der Position des Referenten, im Kampf gegen Terrorgruppen und kriminelle Regimes müssten vorübergehend auch pragmatische Allianzen geschlossen werden, kam es aus Zeitgründen nicht.

 

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Seite zuletzt geändert am 29.09.2015, 20:35 Uhr von Ralph Werner-Dralle
 

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