Vortrag und Diskussion:

Die Demokratisierung der arabischen Welt

 

 

Die beiden Referenten Claus Herbst und der junge Tunesier Aymen Zaghdoudi verhalfen zahlreichen Oberstufenschülerinnen und -schülern am 1.9. in der 3./4. Stunde zu vertieften Einblicken in eine spannende und äußerst aktuelle Materie. Es schloss sich eine interessante Diskussion bzw. Fragerunde an. Hier ein ausführlicher Bericht:

 

 

Forum zur Demokratiebewegung in arabischen Ländern am 1.9. 2011: Informationen aus erster Hand

 

Aktuellen Politik-Unterricht einmal anders erlebten kürzlich Oberstufenschüler des GNW, als im Forum unserer Schule der Nahost-Experte und frühere Dozent am Zentrum für Innere Führung der Bundeswehr, Claus Herbst (geb. 1937), sowie der Jura-Absolvent aus Sousse in Tunesien, Aymen Zaghdoudi (geb. 1986), über die Entwicklungen in arabischen und nordafrikanischen Ländern und deren Ursachen berichteten.

Nach kurzer Begrüßung und Vorstellung der Referenten durch den verantwortlichen Fach-lehrer deutete Herr Herbst die Bewegungen in den Maghreb-Staaten als Aufstand besonders der Jugendlichen für Werte der modernen Demokratien wie Gleichberechtigung, politische Teilhabe und bessere Lebensbedingungen. Für ihn sind Islam und Menschenrechte nicht unvereinbar, es gehe darum autoritäre und totalitäre Regimes zu überwinden. Der Fehler der europäischen Staaten in der Vergangenheit sei gewesen, sich mit Diktaturen zu arrangieren, um Stabilität zu erhalten und sich Zugang zu strategischen Rohstoffen zu sichern. Der Preis dafür sei hoch, der Westen habe viel Glaubwürdigkeit bei den Menschen im arabischen Raum verspielt. Die europäischen Staaten verfügten über kein Konzept zur Gestaltung des Nahen und Mittleren Ostens. Aus seiner Sicht müssen in einem langfristigen Prozess Allianzen gebildet werden, um autoritäre Regimes zu isolieren und zu überwinden. In den betroffenen Staaten müsse es eine Trennung von Religion und Politik geben, ein Indiz sei die ablehnende Haltung vieler Jugendlicher im Iran gegenüber der Religion, die sie als Herrschaftsinstrument der Mullahs erlebten. Derzeit würden viele in der islamischen Welt bestehende Hürden angegangen, vor allem korrupte und repressive Regierungen. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Demokratisierung seien große Defizite im Bildungswesen, so gebe es zum Beispiel in Ägypten noch 80 Prozent Analphabeten auf dem Land. Ein Hebel zur Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten sei der Aufbau einer unabhängigen Presse, gestützt auf Kommunikations-Netzwerke, und eines Rechtsstaates, wodurch z. B. Wahlfälschung und Korruption eingedämmt würden. Da sei der Westen gefordert und moralisch in der Pflicht.

 

Besonders beeindruckend für die jugendlichen Teilnehmer war der Bericht des Gastes aus Tunesien, der in englischer Sprache mit den Schülern in ein reges Gespräch kam. Er rief ins Bewusstsein, dass zum Zeitpunkt der Veranstaltung in vielen arabischen Ländern das Ende des Ramadan mit dem Fest des Fastenbrechens gefeiert werde, dass aber viele Jugendliche in diesen Ländern dazu nicht in der Lage seien, weil sie verhaftet, gefoltert oder sogar getötet wurden oder ihre Väter und Angehörige in den Kämpfen mit der Staatsgewalt verloren hätten. Herr Zaghdoudi nannte als wichtige Ursache für die Protestbewegung in seiner Heimat, die zur Vertreibung von Machthaber Ben Alí nach Saudi Arabien führte, erhebliche soziale Ungleichheiten. Zwischen den Städten in der Küstenregion und dem armen Binnenland herrsche ein großes Gefälle, dort gebe es kaum Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeit. In den Küstenstädten dagegen habe ein Jugendlicher zu 80 Prozent die Chance auf eine akademische Ausbildung. Es wurde sehr ruhig im Raum, als er über den Auslöser der Bewegung sprach, die Selbstverbrennung eines 28jährigen Studenten in der Stadt Sidi Bouzid am 17.12.2010, der zum Lebensunterhalt seiner Familie einen Gemüsestand betreiben musste und von der Polizei drangsaliert wurde. Nach Tagen des Schweigens der Behörden über dieses Fanal seien dann, auch über Internet, Forderungen der Revolutionskräfte laut formuliert worden, nach Jobs, Lebensperspektiven und mehr Wohlstand, dann auch politische Forderungen nach mehr Teilhabe und Rücktritt der Eliten. Zugleich stufte er die Bewegung in Tunesien als sozialen Aufstand und Revolte, nicht als nachhaltige Revolution ein. Die Rolle der Medien in diesem erfolgreichen Prozess, z. B. von facebook oder Sendern wie al-Djasira, hob er besonders hervor. Zugleich wertete er die Haltung des Auslands, insbesondere der Bundesregierung, als „big mistake“. Durch den Versuch offiziell „neutral“ zu bleiben, sei viel Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt worden, bei vielen Menschen in seiner Heimat und bei ihm persönlich. Zu den Perspektiven der Demokratiebewegung äußerte sich Herr Zaghdoudi eher zurückhaltend: Ein Hauptproblem seien die Defizite im Bildungswesen in vielen arabischen Ländern. Demokratie sei aber, so seine These, eine Kultur bzw. innere Haltung, die in einem langen Prozess erlernt werden müsse, dazu hätten moderne demokratische Gesellschaften wie Frankreich und Deutschland Jahrhunderte gebraucht. Ein spezifisches Problem in Tunesien sei der Verbleib vieler Angehöriger der ehemaligen Elite in der Übergangsführung, auch im Innern gehe es um Vertrauen. Kurz- und mittelfristig sei eine Art Masterplan für Investitionen zur Festigung des wirtschaftlichen Aufschwungs nötig sowie zur dringend erforderlichen Reform des Bildungswesens, das quantitativ und qualitativ erst in die Lage versetzt werden müsse, die Menschen zu kritischen und demokratischen Staatsbürgern zu erziehen.

 

Auch in der anschließenden Diskussion, an der sich die Schüler mit vorbereiteten und mit spontanen Fragen rege beteiligten, ging es schwerpunktmäßig um die Aspekte politische Perspektive und Bildung. Dabei nutzten die Teilnehmer besonders die Gesprächsmöglichkeit mit einem authentischen Vertreter des islamisch-arabischen Kulturkreises und persönlich Betroffenen. Herr Zaghdoudi berichtete, wie er die entscheidenden Wochen an seinem Wohnort in der Nähe der Residenz der Familie des früheren Präsidenten erlebte, als die Universität während der Unruhen geschlossen blieb. Er beschrieb die Art der angestrebten Demokratie als eine von modernen emanzipatorischen Werten geprägte, die auch die Frauengleichberechtigung umfasst. Es gebe keinen Raum in Tunesien für die Einführung einer Sharia-Rechtsprechung, die islamistische Enada-Partei habe keine reale Perspektive.

Die Aussichten im benachbarten Libyen oder in Ägypten, wo die Muslimbrüderschaft starken Einfluss habe, seien schwieriger. Auch Herr Herbst äußerte sich in diesem Zusammenhang besorgt darüber, dass der Prozess möglicherweise zu lange dauern und aufgrund der hohen Erwartungshaltung der Bevölkerung in den arabischen Ländern nach besseren Lebensbe-dingungen erlahmen und die neuen Führungen überfordern könnte. In Tunesien sei der poli-tische Prozess im vollen Gange und zunächst erfolgreich verlaufen, jedoch sei die Opposition gespalten und auf insgesamt 108 Parteien verteilt. Von den 7,5 Millionen Wahlberechtigten zur Parlamentswahl Ende Oktober 2011 seien bisher nur knapp die Hälfte registriert. Erstaunen rief das Bekenntnis von Herrn Zaghdoudi hervor, er werde zwar zur Wahl gehen, aber ein weißes Blatt in die Urne werfen, da er mit keinem Kandidaten wirklich überein-stimme und er kein „kleineres Übel“ anerkenne. Ausführlich kam hier das Problem der alten Eliten zur Sprache. Hervorgehoben wurde vom Referenten auch, wie wichtig eine positive Wirtschaftsentwicklung für den nachhaltigen Erfolg der Demokratiebewegung ist. Dabei habe der Tourismussektor in der Umbruchphase eine zentrale Rolle gespielt, als viele Beschäftigte Hotels, öffentliche Gebäude, aber auch Produktionsstätten gesichert hätten. Diese Branche sei auch künftig sehr wichtig für die Gewinnung von Devisen und habe gute Perspektiven. Ein Problem für Tunesien, wie für viele Länder des Südens, sei ein fairer Zugang zum Weltmarkt. Hier müssten vorhandene Instrumente wie die Mittelmeer-EU-Kooperation weiter entwickelt werden, führte Herr Herbst aus, während Herr Zaghdoudi das ungerechte Steuersystem in seinem Land kritisierte. Auf jeden Fall sei Geld nötig, um die Demokratie zu stärken, aber auch ausreichend vorhanden, auch in der arabischen Welt: Herr Herbst wies darauf hin, dass 450 Mrd. bis 500 Mrd. Dollar Auslands-Einlagen von wohlhabenden arabischen Clans in den USA und in Europa gehalten würden, während die gesamten Auslandsschulden der armen nordafrikanischen Länder 200 Mrd. Dollar betrügen. Wie wenig der Erziehungssektor bisher in diesen Staaten dazu dient, die Menschen zu ermutigen, Ungerechtigkeit zu hinterfragen und selbständig zu denken, stattdessen auswendig gelernten Stoff in Prüfungen wiederzugeben, das beschrieb Herr Zaghdoudi mit Verweis auf die Kolonialgeschichte eindringlich. Am ehesten sei Palästina aus seiner Sicht in der Lage, kurzfristig eine Demokratie aufzubauen.

Die Veranstaltung konnte schon aus zeitlichen Gründen nicht alle Fragen klären; einige Schüler nutzten noch nach dem offiziellen Ende die Möglichkeit zum Gespräch. Es herrschte die allgemeine Einschätzung vor, dass es ein sehr informativer und intensiver Austausch war.

 

 

 

 

Seite zuletzt geändert am 18.09.2011, 09:20 Uhr von Ralph Werner-Dralle
 

Das Neueste

Stellenausschreibung

BuFDi am GNW !!

Weiterlesen


Klassenstufe 11:

Zuhören bei mündl. Abiprüfungen

Weiterlesen


„Down! Set! Hut!“

Flag-Football am GNW

Weiterlesen


Selbstverteidigung in Kl. 10

Wing-Chun am GNW

Weiterlesen


GNW-Kinder-Redaktion

Zusammenarbeit mit HIER-Magazin

Weiterlesen



Aktualisiert


Gestern

Startseite


4-2017


GNW-in-Hauppauge-4-2017



3 Tage und älter

Beratungslehrer


Adressen


2017-04-Kreisgrupp-Vorentscheid-Ju


Neuigkeiten


2017-04-Kreisgrupp-FuBa


Stoffplan - Schulcurriculum Religion


Bewertung